„Grüne Revolution geht nicht mit erhobenem Zeigefinger“

Ob es um Ökologie oder den Feminismus geht: Revolution funktioniert nicht mit erhobenem Zeigefinger. Ein Plädoyer für das spielerische Weltverbessern

Vorbei die Zeiten, da wir alle auf Weltenrettung und Seelenheil durch das Agieren aufgeblasener, ungelenker, behäbiger Staatsapparate vertraut haben. Im mindset heutiger Zivilgesellschaft bäumt sich ein neues politisches Selbstbewusstsein auf: Ökologisierung, Klima-Kult, Moral-Marketing und Sinn-Konsum haben Einzug in die private Lebensführung sämtlicher Generationen genommen. Für die mediale Landschaft ist das wiederauferstandene „Das Private ist politisch“ eine besondere Herausforderung. Berichterstattung und Kommentierung wollen inhaltliche Orientierung bieten und über diesen Weg zu autonomen achtsamen und bewussten Verbraucherentscheidungen befähigen.

Der Umgang mit dem Thema Ökologie ist nicht
eindimensionaler geworden. Ganz im Gegenteil:
Er ist vielschichtiger, facettenreicher, lustvoller,
spielerischer und damit auch grenzüberschreitender,
radikaler und provokativer geworden.

 

Bereits vor über zehn Jahren kündigte sich ein neues Zeitalter von Weltverbesserern an. Wurden die Anhänger einer drögen Müsli-Askese noch immer belächelt, berichteten Experten wie der Zukunftsforscher Matthias Horx von unübersehbaren Aufstiegssymptomen und Trends innerhalb der Themenfelder Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. Heute, viele Jahre später, sind jene Symptome der Ära kaum mehr zu übersehen: Schauspieler Leonardo di Caprio reist für Gespräche über den Klimawandel um den Erdball, trifft den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, den Innovationsgeist und Unternehmer Elon Musk sowie Papst Franziskus und trägt die filmische Begleitung als Botschaft und Aufruf zur Rettung des Planeten in die Welt. Schauspielerin Emma Watson nutzt die sozialen Internetplattformen, um auf Ausbeutung innerhalb der Textilindustrie hinzuweisen und Fair Fashion zu unterstützen. Deutsche Musiker wie NENA und Rea Garvey beteiligen sich an grüner Unternehmensgründung, um einen Beitrag für mehr Umweltbewusstsein zu leisten und ihrer politischen und sozialen Verantwortung als Personen der Öffentlichkeit gerecht zu werden. Musikerin Alina Süggeler setzt auf eine vegane Ernährung und verbannt Tierleder aus ihrem Kleiderschrank; Model Marie Nasemann kuratiert Mode, die fair gehandelt wird.

Doch gerade auch fern von Stars und Sternchen haben die Themen Nachhaltigkeit, grüne Wirtschaft und Konsumbewusstsein eine bemerkenswerte Karriere hingelegt: Bereits 14-Jährige werben in Videoformaten im Internet für plastik- und chemiefreies Schminken, eine neue junge Sportbewegung schielt auf Fitness und Gesundheit statt Bizepsmessen: Yoga und Pilates sollen die inneren Heilungskräfte des Körpers aktivieren. Das neumoderne Avocado-Toast hat das klassische Mettbrötchen vertrieben und statt Zuckerlimonade flaniert man nun mit Saft aus frisch gepressten Früchten durch Straßen, die von Carsharing statt Dreckschleudern beherrscht werden.

In einer Welt, die im Umbruch ist, die von Krisen jedweder Art beherrscht wird, und – ungehorsam wie sie ist – tagtäglich mit Disruption, Komplexität und Übersichtlichkeit aufwartet, sehnt sich der Mensch nach Heimathafen, Ruhepol und Schutzzone zurück. Er findet sie in Selbstvergewisserung, Konsumbewusstsein und Achtsamkeit und findet zu einem Eigenverständnis, in dem er jemanden darstellt, der Mitverantwortung trägt – für sich selbst, für die Welt, und nicht weniger auch für die Welt von morgen. Im Zuge dieser neuen Verantwortungsbewegung, die begrüßenswert ist, weil sie ein gereiftes liberales und autonomes Verständnis für das Verhältnis von Mensch und Umwelt bezeugt, ist der Umgang mit dem Thema Ökologie jedoch nicht eindimensionaler und damit einfacher geworden – er ist vielschichtiger, facettenreicher, lustvoller, spielerischer und damit auch grenzüberschreitender, radikaler und provokativer geworden.

Wo ein Moralismus nur die eine einzige
Denk- und Handlungsmöglichkeit zulässt,
kommt das Autonome, Freiheitliche
und Eigenverantwortliche abhanden.

 

Der lateinische Ausspruch „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“, zu Deutsch: „Was auch immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende“, ist darum zur entscheidenden Haltungsfrage innerhalb verschiedener Szenen von Weltverbesserern avanciert. Denn wo Moralismus nur die eine einzige Denk- und Handlungsmöglichkeit zulässt, kommt das Autonome, Freiheitliche und Eigenverantwortliche wieder abhanden. Darum nützt es weder Feministen noch LGBTQ-Aktivisten und eben auch keinen Umweltrettern, moralisierend bis moralistisch, mit erhobenem Zeigefinger, Überheblichkeit und Eitelkeit zu dieser einen einzigen guten Lebensweise zu zwingen – und jeden Zentimeter Abstand dazu zu dämonisieren. Diese Methode führt dazu, eben nicht integrativ zu wirken, einzuladen, zu verführen, sondern im Gegenteil dazu neue Separatismen zu schaffen.

Niemand von uns kennt die eine einzige Wahrheit – und Umweltaktivisten nicht die eine einzige vorbildliche Lebensweise. Darum möchten wir mit newsgreen.net eine Plattform bieten, auf der wir grüne Innovationen aus aller Welt vorstellen, um Konsumenten über Information und Transparenz zu eigenverantwortlich Handelnden zu befähigen. Wir machen die Hintergründe und Geschichten grüner Pioniere sichtbar und möchten Inspiration liefern, die eigene Lebensweise kritisch zu hinterfragen. Vor allem aber wollen wir dazu einladen, sich mit den Themen Umweltbewusstsein, Innovation und Achtsamkeit auseinanderzusetzen, energisch darüber streiten, was diese Themen für uns bedeuten, und sie spielerisch und lustvoll in unsere Leben einbinden.

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Trash-Overkill: Darum brauchen wir kompromisslosen Zero Waste in der Gastronomie

Warum braucht es ein Restaurant, das keinen Müll produziert und komplett auf Verpackungen verzichtet? Lea Lato von FREA ruft zu kompromisslosem Zero Waste in der Gastronomie auf.

Lange habe ich nicht gewusst, welchen Einfluss Plastik auf die Natur und den Menschen hat. Doch dann habe ich Menschen kennengelernt, die mir gezeigt haben, welchen Schaden Plastik anrichtet.

Insbesondere David Johannes Suchy, der Gründer von FREA, hat eine klare Vision davon, wie unsere Gesellschaft den Plastikkonsum Schritt für Schritt verringern kann. Seit Jahren kocht er und organisiert Caterings, – und möchte deswegen die Gastronomie revolutionieren.

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Denn in der Gastronomie wird nicht nur unglaublich viel Essen verschwendet, sondern es entsteht auch besonders viel unrecycelbarer Müll. Die grüne Revolution geht durch den Magen: Deshalb braucht es Restaurants frei von Verpackungen und Plastik.

JEDE SCHICHT ENDETE DAMIT, 20KG ESSEN IN DEN MÜLL ZU BEFÖRDERN

Um zu verstehen, warum Müll so ein großes Thema in der Gastronomie ist, möchte ich eine kleine Erfahrung erzählen, die ein Gast in Restaurants wohl niemals machen wird. 
Während meines Studiums habe ich als Kellnerin in mehreren Restaurants gearbeitet.
Egal, um welche Mahlzeit es sich handelte, – immer wieder kam es vor, dass Gäste ihren Hunger überschätzten, vor allem am Frühstücksbuffet. Ich erinnere mich, wie ich unberührten Camembert und andere verschmähte Reste zusammen mit Servietten über Servietten von den Tellern kratzen musste. Jede Schicht endete damit, einen 20kg-Sack in den Müll zu hieven.

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Lea Lato von FREA

Was in Restaurants normal ist, macht unserem Planeten zu schaffen. Denn Restaurants produzieren im Durchschnitt 30 Liter Müll pro Stunde. Und nicht alles kann recycelt werden, vor allem dann nicht, wenn nicht gründlich getrennt wird. Das ist leider die Regel in Restaurants, da es immer schnell gehen muss: Glas, Plastik und Papier landen dann in einer Tonne.


Was ich hier beschreibe, sind nur meine Beobachtungen aus dem Gastraum, wo Lebensmittelverschwendung Alltag ist. Wieviel Müll entsteht wohl in der Küche, wo das ganze Essen zubereitet wird?

AUCH WER BIO KAUFT, UNTERSTÜTZT DEN VERPACKUNGSWAHN

Einen kleinen Vorgeschmack auf den Müll, der in Großküchen produziert wird, kriegen wir, wenn wir im Supermarkt einkaufen gehen. 
Die wenigsten Lebensmittel sind nackt. Mal in einem Plastikschälchen, mal eingeschweißt: Obst und Gemüse gibt es nur selten ganz ohne Verpackungen. Dafür muss man auf den Markt. Doch dort einzukaufen, ist mehr Privileg als praktisch und preisgünstig. Die breite Masse zieht es dann doch in einen Lidl, Aldi oder Rewe, – und selbst bei Alnatura und Bio Company sind ein Großteil der Lebensmittel verpackt.

Warum das so ist? Wenn Bio-Lebensmittel neben konventionellen Lebensmitteln liegen, gibt es die Gefahr einer Kontamination mit Pestiziden. Um zu vermeiden, dass Bio- Lebensmittel mit den Pestiziden der konventionellen Produkte in Berührung kommen, werden Sie von Plastikverpackungen geschützt. Ein großer Widerspruch in sich, denn wer Bio kauft, möchte doch gerade ein System unterstützen, das ökologischer ist.

PLASTIK IST GESUNDHEITSSCHÄDIGEND – IN JEDER FORM

Nachdem der Einkauf dann ausgepackt und verstaut ist, wird das Dilemma deutlich: Der Plastikmülleimer quillt über und einige Lebensmittel haben schimmelnde Stellen, die man durch die Verpackung nicht sehen konnte. 

Was ist so schlimm an Plastik?

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Plastik wird aus Erdöl erzeugt wird, welches eine fossile Ressource ist, also nur begrenzt auf der Erde vorhanden ist. Bei der Förderung von Erdöl kommt es nicht selten zu verheerenden Unfällen, die Flora und Fauna nachträglich schädigen: Man erinnere sich an den Blowout der Bohrinsel Deepwater Horizon in 2010, bei dem 800 Mio. Öl den Golf von Mexiko verpesteten.



Außerdem werden zur Herstellung von Plastik unterschiedlichste Weichmacher und Chemikalien genutzt, die mitunter krebserregend sind. Wenn wir dann Wasser aus Plastikflaschen, Joghurt aus Plastikbechern und eingeschweißte Gurken essen, nehmen wir Stoffe auf, die nicht nur unseren Hormonhaushalt durcheinander bringen, sondern auch Krebs begünstigen.

IM OZEAN SCHWIMMT EIN MÜLLTEPPICH DER GRÖSSE VON HALB EUROPA

Was unserem Körper schadet, schadet auch der Natur. Denn Plastik ist nicht abbaubar. Nur die Hälfte von dem, was im gelben Sack und der gelben Tonne landet, wird recycelt. 2014 wurden 44,1 Prozent des Plastikmülls verbrannt, wodurch unsere Luft mit Dioxin verschmutzt wird.

Obwohl das Verbrennen von Plastikmüll die Umwelt schädigt, ist es in Deutschland immerhin gesetzlich geregelt und die Emissionen giftiger Schadstoffe aus der Müllverbrennung sind seit 1990 stark zurückgegangen. Verheerend ist es jedoch, wenn Müll illegal verbrannt wird oder es gar keine Regelungen dazu gibt, wie Plastikmüll verwertet werden soll. Die Länder, in denen es kein System zur Müllverwertung gibt, sind maßgeblich dafür verantwortlich, dass Plastikmüll zum globalen Problem wird, während die eigene Bevölkerung unter den Auswirkungen von Luft- und Wasserverschmutzung leidet.

Plastikmüll gelangt über die Flüsse in die Ozeane, in denen bereits ein Müllteppich von der Größe halb Europas schwimmt. 

Doch dies ist nur die Spitze des Eisbergs: Auf dem Meeresgrund befindet sich ein Großteil des Plastiks, das den natürlichen Lebensraum vieler Meerestiere einschränkt und zerstört. Die Tiere verenden an herumschwimmenden Getränkehaltern, Taschen und anderen Kunststoffabfällen. Erschreckend bleibt das Video einer Schildkröte im Kopf, der ein Strohhalm aus der Nase gezogen wird.

Erst nach Jahrzehnten wird der Plastikmüll in Mikroplastik zersetzt. Meerestiere verwechseln dies mit Plankton, fressen sich daran „satt“ und verhungern dann trotz vollem Magen.

 Durch unseren Konsum von Plastik verschmutzen wir die Weltmeere und bringen so das gesamte Ökosystem aus der Balance.

Wer einen Schritt weiterdenkt, weiß, was das bedeutet: Auch unsere Existenz steht auf dem Spiel. 
Am 2. August 2017 haben wir einen traurigen Meilenstein erreicht, den Earth Overshoot Day. Seit dem sind weitere vier Monate vergangen, in denen wir mehr natürliche Ressourcen verbraucht haben, als wir im ganzen Jahr regenerieren könnten und haben mehr Verschmutzung verursacht, als wir rückgängig machen können. 
Es ist höchste Zeit etwas zu verändern, bevor es zu spät ist.

FREA – WIR WOLLEN DIE VORREITER BEI ZERO WASTE SEIN

Damit ein Umdenken innerhalb der Gesellschaft passieren kann, braucht es Menschen, die zeigen, wie man den Plastikkonsum verringern kann, um den eigenen ökologischen Fußabdruck so niedrig wie möglich zu halten. 

So entstand FREA. Frea wird Berlins erstes veganes Restaurant, das keinen Müll produziert, komplett auf Verpackungen verzichtet und alle Lebensmittelreste kompostiert. Gleichzeitig ist FREA Plattform und Store und will durch Workshops und Lesungen über den Zero-Waste-Lifestyle aufklären. FREA bringt die Vorreiter der Zero-Waste- Bewegung mit Neulingen zusammen, um zu vermitteln, wie der Umstieg zu einem nachhaltigeren Lebensstil ganz leicht wird.

Jetzt ist die Zeit gekommen, um etwas zu ändern, – gemeinsam.

Von Lea Lato, Teammitglied von FREA