CONTROVERSE

„Die grüne Revolution geht nicht mit erhobenem Zeigefinger“

Ob es um Ökologie oder den Feminismus geht: Revolution funktioniert nicht mit erhobenem Zeigefinger. Diana Kinnert, Gründerin von newsgreen.net, mit einem Plädoyer für eine lustvolle Revolution und ein spielerisches Weltverbessern.

Ob es um Ökologie oder den Feminismus geht: Revolution funktioniert nicht mit erhobenem Zeigefinger. Ein Plädoyer für das spielerische Weltverbessern

Vorbei die Zeiten, da wir alle auf Weltenrettung und Seelenheil durch das Agieren aufgeblasener, ungelenker, behäbiger Staatsapparate vertraut haben. Im mindset heutiger Zivilgesellschaft bäumt sich ein neues politisches Selbstbewusstsein auf: Ökologisierung, Klima-Kult, Moral-Marketing und Sinn-Konsum haben Einzug in die private Lebensführung sämtlicher Generationen genommen. Für die mediale Landschaft ist das wiederauferstandene „Das Private ist politisch“ eine besondere Herausforderung. Berichterstattung und Kommentierung wollen inhaltliche Orientierung bieten und über diesen Weg zu autonomen achtsamen und bewussten Verbraucherentscheidungen befähigen.

Der Umgang mit dem Thema Ökologie ist nicht
eindimensionaler geworden. Ganz im Gegenteil:
Er ist vielschichtiger, facettenreicher, lustvoller,
spielerischer und damit auch grenzüberschreitender,
radikaler und provokativer geworden.

 

Bereits vor über zehn Jahren kündigte sich ein neues Zeitalter von Weltverbesserern an. Wurden die Anhänger einer drögen Müsli-Askese noch immer belächelt, berichteten Experten wie der Zukunftsforscher Matthias Horx von unübersehbaren Aufstiegssymptomen und Trends innerhalb der Themenfelder Nachhaltigkeit und Achtsamkeit. Heute, viele Jahre später, sind jene Symptome der Ära kaum mehr zu übersehen: Schauspieler Leonardo di Caprio reist für Gespräche über den Klimawandel um den Erdball, trifft den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, den Innovationsgeist und Unternehmer Elon Musk sowie Papst Franziskus und trägt die filmische Begleitung als Botschaft und Aufruf zur Rettung des Planeten in die Welt. Schauspielerin Emma Watson nutzt die sozialen Internetplattformen, um auf Ausbeutung innerhalb der Textilindustrie hinzuweisen und Fair Fashion zu unterstützen. Deutsche Musiker wie NENA und Rea Garvey beteiligen sich an grüner Unternehmensgründung, um einen Beitrag für mehr Umweltbewusstsein zu leisten und ihrer politischen und sozialen Verantwortung als Personen der Öffentlichkeit gerecht zu werden. Musikerin Alina Süggeler setzt auf eine vegane Ernährung und verbannt Tierleder aus ihrem Kleiderschrank; Model Marie Nasemann kuratiert Mode, die fair gehandelt wird.

Doch gerade auch fern von Stars und Sternchen haben die Themen Nachhaltigkeit, grüne Wirtschaft und Konsumbewusstsein eine bemerkenswerte Karriere hingelegt: Bereits 14-Jährige werben in Videoformaten im Internet für plastik- und chemiefreies Schminken, eine neue junge Sportbewegung schielt auf Fitness und Gesundheit statt Bizepsmessen: Yoga und Pilates sollen die inneren Heilungskräfte des Körpers aktivieren. Das neumoderne Avocado-Toast hat das klassische Mettbrötchen vertrieben und statt Zuckerlimonade flaniert man nun mit Saft aus frisch gepressten Früchten durch Straßen, die von Carsharing statt Dreckschleudern beherrscht werden.

In einer Welt, die im Umbruch ist, die von Krisen jedweder Art beherrscht wird, und – ungehorsam wie sie ist – tagtäglich mit Disruption, Komplexität und Übersichtlichkeit aufwartet, sehnt sich der Mensch nach Heimathafen, Ruhepol und Schutzzone zurück. Er findet sie in Selbstvergewisserung, Konsumbewusstsein und Achtsamkeit und findet zu einem Eigenverständnis, in dem er jemanden darstellt, der Mitverantwortung trägt – für sich selbst, für die Welt, und nicht weniger auch für die Welt von morgen. Im Zuge dieser neuen Verantwortungsbewegung, die begrüßenswert ist, weil sie ein gereiftes liberales und autonomes Verständnis für das Verhältnis von Mensch und Umwelt bezeugt, ist der Umgang mit dem Thema Ökologie jedoch nicht eindimensionaler und damit einfacher geworden – er ist vielschichtiger, facettenreicher, lustvoller, spielerischer und damit auch grenzüberschreitender, radikaler und provokativer geworden.

Wo ein Moralismus nur die eine einzige
Denk- und Handlungsmöglichkeit zulässt,
kommt das Autonome, Freiheitliche
und Eigenverantwortliche abhanden.

 

Der lateinische Ausspruch „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“, zu Deutsch: „Was auch immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende“, ist darum zur entscheidenden Haltungsfrage innerhalb verschiedener Szenen von Weltverbesserern avanciert. Denn wo Moralismus nur die eine einzige Denk- und Handlungsmöglichkeit zulässt, kommt das Autonome, Freiheitliche und Eigenverantwortliche wieder abhanden. Darum nützt es weder Feministen noch LGBTQ-Aktivisten und eben auch keinen Umweltrettern, moralisierend bis moralistisch, mit erhobenem Zeigefinger, Überheblichkeit und Eitelkeit zu dieser einen einzigen guten Lebensweise zu zwingen – und jeden Zentimeter Abstand dazu zu dämonisieren. Diese Methode führt dazu, eben nicht integrativ zu wirken, einzuladen, zu verführen, sondern im Gegenteil dazu neue Separatismen zu schaffen.

Niemand von uns kennt die eine einzige Wahrheit – und Umweltaktivisten nicht die eine einzige vorbildliche Lebensweise. Darum möchten wir mit newsgreen.net eine Plattform bieten, auf der wir grüne Innovationen aus aller Welt vorstellen, um Konsumenten über Information und Transparenz zu eigenverantwortlich Handelnden zu befähigen. Wir machen die Hintergründe und Geschichten grüner Pioniere sichtbar und möchten Inspiration liefern, die eigene Lebensweise kritisch zu hinterfragen. Vor allem aber wollen wir dazu einladen, sich mit den Themen Umweltbewusstsein, Innovation und Achtsamkeit auseinanderzusetzen, energisch darüber streiten, was diese Themen für uns bedeuten, und sie spielerisch und lustvoll in unsere Leben einbinden.

1 Kommentar zu “„Die grüne Revolution geht nicht mit erhobenem Zeigefinger“

  1. Schön geschrieben. Gerade die merklich zunehmende Transformation Einzelner, das hinterfragen des eigenen Lebenswandels gibt Hoffnung. Auch wenn es durchaus noch viel mehr werden müssen.

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